Politik ist für mich das noch nicht Entschiedene

 

Was ist Politik?

Die digitalen Kommunikationsmittel machen es möglich. Immer häufiger werden Videoclips mit den verschiedensten Informationen und Botschaften erstellt und über die Netze verschickt. Darunter auch sehr witzige, die zum Teil - zumindest beim ersten Ansehen - auch kulturkritische und politische Kurzgeschichten erzählen, Probleme bewusst machen und damit einen Beitrag zur politischen Aufklärung und Bildung leisten.

 

Ein solcher Video-Witz wurde mir kürzlich zugespielt. Ein politischer Witz, aber einer mit doppeltem Boden. Er erweckt zuerst einmal den Eindruck kritischer Aufklärung, man denkt, hier würde dem Konsumenten des Witzes in gesellschaftskritischer Manier Politik erklärt. Natürlich - wie es guten Witzen, auch politischen, erlaubt sein muss - überzeichnet, pointiert, zum Lachen eben. Ich denke aber, man sollte auch solche Videos kritisch durchleuchten, die beim ersten Ansehen ein zustimmendes Lachen hervorrufen.

 

Zunächst die szenische Gestaltung des Videos:

Man sieht einen fein gekleideten, graumelierten Herrn, den man für einen mittelständischen Unternehmer halten kann. Eher jedenfalls als für den Top-Manager eines Konzerns. Er steht vor einer männlichen Tafelrunde. Alle sind ähnlich wie er gekleidet. Er erzählt den Witz in der selbstgefälligen Art, wie solche Männer Tischreden zu halten pflegen. Er wird - weil er stehend einer sitzenden Herrenrunde erzählt - besonders hervorgehoben. Und er erzählt so, dass man ihn selbst für den Vater halten könnte, der im Witz seinem Sohn erklärt, was Politik ist. Die Zuhörend lachen und klatschen.

 

Der Witz geht so:

Ein Sohn kommt von der Schule nach Hause und erzählt seinem Vater, er habe Staatsbürgerkunde, deshalb möchte er vom ihm erklärt haben, was Politik ist.

Der Vater versucht es.

Er sagt: Pass auf! Ich bringe das Geld nachhause. Ich bin das Kapital.

Deine Mutter verwaltet das Geld und gibt es aus. Sie ist die Regierung.

Großvater passt auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Er ist die Gewerkschaft.

Und Anna, die für uns den Haushalt macht, ist die Arbeiterklasse.

Und was wir tun, tun wir alles für Dich. Du bist das Volk.

Dein kleiner Bruder, der noch in den Windeln liegt, ist die Zukunft.

Der Vater fragt nun: Hast Du das verstanden?

Der Sohn sagt: Darüber muss ich erst mal schlafen.

Nachts wird der Sohn wach, weil sein kleiner Bruder schreit. Er hat die Windeln voll.

Der Sohn geht ins elterliche Schlafzimmer. Aber er findet dort nur seine schlafende Mutter. die schnarcht und hört ihn nicht.

Also geht er zu Anna, der Haushaltshilfe. Die aber liegt mit seinem Vater im Bett.

Und der Großvater? Der schaut durchs Fenster zu.

Der Junge hat die Nase voll und geht wieder ins Bett.

Am Morgen fragt der Vater den Sohn: Hast Du nun begriffen, was Politik ist.

Der Sohn antwortet: Ja! Das Kapital missbraucht die Arbeiterklasse, die Gewerkschaft schaut zu. Die Regierung schläft. Das Volk wird ignoriert und die Zukunft liegt in der Scheiße.

 

Kein Zweifel, ein gelungener Witz. Ich habe selten so über einen politischen Witz gelacht. Aber es entging mir nicht, dass er Politik nicht erklärt, sondern nur dazu verführt zu glauben, er habe eine zutreffende Erklärung für Politik geliefert.

 

War das die Botschaft, die der Witz transportieren sollte? Ich wusste ja, dass - gewollt oder ungewollt - manche Produzenten solcher Witze-Videos "Machwerke" erzeugen und wie Geschenkpakete an die Menschheit verschicken, deren Inhalte so raffiniert verpackt sind, dass man sie erst einmal für einen gelungenen Beitrag linker Demokratie-, Politik- und Gesellschaftskritik hält. Bei genauerem Hinsehen verraten sie sich jedoch selbst als pseudokritische Witze-Videos. Sie zeigen aber nur bei kritischer Distanzierung und nach einer demokratietheoretischen Analyse ihren antidemokratischen Kern und ihre politikfeindliche Ideologie.

 

Ich glaube zwar nicht, dass kritische Aufklärung über solche Versuche intellektueller Umweltvergiftung ein Allheilmittel sind. Aber sie können vielleicht das demokratische Immunsystem gegen derart subversive Formen reaktionärer Meinungs- und Mehrheitsbildung stärken.

 

Als ich das Video zum ersten Mal sah, hielt ich es spontan für einen gelungenen Beitrag kritischer Aufklärung über unsere allseits beklagten gesellschaftlichen Missstände. Immerhin versprach der Witz zu erklären, was Politik ist. Und es ist ja auch nichts Ungewöhnliches, dass Söhne sich von ihren Vätern etwas erklären lassen. Der Vater in diesem Video tut das sogar gern. Aber Vorsicht! Wie er es tut, ist derart verblüffend, dass man zunächst gar nicht merkt, wie man in seine demokratiefeindliche Falle tappt. Der Vater erklärt nämlich gar nicht, was Politik ist, sondern was er für Politik hält und möchte, das sein Sohn glaubt, es sei Politik. Er zählt ihm nämlich nur eine Reihe von Akteuren und Faktoren auf, die Politik machen: Das Kapital, Regierung, Arbeiterklasse und Gewerkschaften. Dann sagt er, was vielleicht sein Politikverständnis andeutet, sie alle arbeiteten für das Volk.

 

An dieser Stelle sei schon einmal auf ein erstes Warnsignal hingewiesen: In der Aufzählung derer, die Politik machen, kommen Parteien und Parlamente, Meinungsmacher (wie Medien, Berater, wissenschaftliche Gutachter und Justiz, also ganz wesentliche Akteure der Politik, überhaupt nicht vor. Und der Vater, der sich selbst als das Kapital bezeichnet, erzeugt den Eindruck, dass alle, die er erwähnt, sogar die "Arbeiterklasse", für "das Volk" arbeiten. Dass hier nicht von der Gesellschaft, nicht von den Staatsbürgern, sondern vom "Volk" gesprochen wird, ist ein weiteres Warnschild. Aber bleiben wir beim Begriff "Volk".

 

Der Vater, das Kapital, sagt, die von ihm Genannten arbeiteten alle für das Volk. Für das Kapital besteht es offensichtlich nur aus jenen, die - wie der Sohn - noch nicht oder nicht mehr arbeiten, vielleicht auch noch aus jenen, die arbeitslos, arbeitsunwillig oder arbeitsunfähig sind. Das erinnert an Heiner Geißlers Theorie von der "neuen sozialen Frage", die - obwohl sie kaum noch einer kennt - einer der erfolgreichsten Angriffe auf die klassische Arbeiterbewegung mit ihrem Anliegen, die soziale Frage zu lösen.

 

Es wird jedenfalls ein Gegensatz zwischen denen, die arbeiten, und einem "Volk", für das gearbeitet wird, konstruiert, als ob es nicht dieses selbst Volk wäre, das für diejenigen arbeitet, die der Vater repräsentiert, nämlich diejenigen, die über das Kapital verfügen, natürlich auch für die übrigen Akteure der Politik, die von der Arbeit,  die die anderen tun, so der rechtslastige Soziologe Schelsky, leben.

 

Um meine Kritik an diesem Witze-Video besser nachvollziehbar zu machen, gebe ich erst einmal meine Definition von Politik zum besten. Sie ist in Demokratien, ob es sich um antike Sklavenhalterdemokratien, mittelalterliche Stadtrepubliken mit ihren Ständedemokratien oder moderne kapitalistische Demokratien der modernen nationalen Flächenstaaten handelt, immer der - meist ideologisch und verbal, aber nicht selten auch gewaltsam geführte - Kampf um Meinungsführung und Mehrheitsgewinnung. Letzendlich geht es in der Politik immer um die Eroberung der Entscheidungsgewalt. Vielleicht etwas zu boshaft formuliert, um die Durchsetzung privater Interessen als allgemeine.

 

Demokratische Politik dreht sich nach dieser Definition um alle Fragen und Probleme, die Personen, Gruppen, Vereine, Verbände, Stände, Klassen, Wissenschaftlern, Medien und Parteien, letztendlich die gewählten Volksvertreter, als öffentliche Angelegenheiten betrachten und auf eine allgemeinverbindliche Entscheidung hinarbeiten. Da Demokratie das Recht und den Schutz oppositioneller Meinungsäußerungen, ja auch Willens- und Parteibildung garantiert,  ist auch der Kampf, sogar der antidemokratische Kampf gegen bestimmte Entscheidungen als Element demokratischer Politik zu bewerten. Mit der intitutionellen Garantie unbehinderter (freier) Opposition haben die bürgerlich-rechtsstaatlichen Verfassungen der Realität der Klassengesellschaft ihren Tribut entrichtet. Die kapitalistische Demokratie ist der institutionelle Klassen-Kompromiss. So koliziert er ist, er kann doch auf die Formel reduziert werden: Demokratische Kontrolle des Staates? Ja! Demokratische Kontrolle der Wirtschaft, des Kapitals? Nein!

 

In unseren westlichen, parlamentarischen, repräsentativen, kurz, kapitalistischen Demokratien, werden politische Entscheidungen in der Regel von frei gewählten Abgeordneten getroffen. Sie bilden das für die Gesetzgebung zuständige Organ, das Parlament bzw. die Legislative. Deren Mehrheit wählt letztendlich auch die Regierung. Damit könnte die bürgerliche Demokratietheorie von der Gewaltenteilung in vielen demokratischen Staaten in Frage gestellt werden. Welche Parlamentsmehrheit kontrolliert schon die von ihr gewählte Regierung? Das heißt: Die Mehrheit des jeweiligen Organs der Gesetzgebung sieht ihre Hauptaufgabe nicht allein darin, Gesetze zu machen und die Regierung zu bilden, sondern sie zu unterstützen und vor oppositionellen Angriffen, vor den Gefahren, dass sie gestürzt wird, zu schützen.

 

Demokratische Politik ist also, objektiv betrachtet, das noch nicht Entschiedene. Sie beginnt in Diskursen über öffentliche Angelegenheiten und endet mit Abstimmungen über verbindliche Regeln, also der so genannten Verabschiedung von Gesetzen und Richtlinien. Ist eine Entscheidung im Rahmen der verfassungsmäßigen Vorgaben gefallen, auch wenn sie nur ein fauler Kompromiss ist, ist sie dennoch Gesetz, geltendes und einklagbares Recht. Eine politische Entscheidung ist getroffen, indem sie zum Gesetz wird. Als Gesetz ist sie nicht mehr Gegenstand von Politik, sondern die legale Arbeitsgrundlage der Regierenden, der Verwaltung, der Behörden. Da heutzutage kaum noch rechtsfreies Handeln möglich ist, lässt sich leicht eine kritische Debatte entfachen über die Exzesse der staatlichen Bürokratie.

 

Deren handeln ist jedoch - so will es das Rechtsstaatsverständnis bürgerlicher Verfassungen - an die Gesetze gebunden. Wozu wurde die Willkürherrschaft des Feudalabsolutismus gewaltsam beendet? Es gilt - zumindest der Theorie nach - the rule of law: Die Gesetze regieren. Selbst Gesetzgeber, Regierung und justiz sind - der Theorie nach - den einmal mehrheitslich getroffenen Entscheidungen unterworfen. Wenn die Exekutivorgane, die Behörden, die Staatsbürokratie, die gesetzlichen Grundlagen eigenmächtig, nicht im Sinne des Gesetzgebers, auslegen, also Politik jenseits geltenden Rechts machen, was häufiger vorkommt, als es in den Medien Schlagzeilen macht, haben zumindest in erklärten Rechtsstaaten die Bürger und Bürgerinnen das Recht, Regierung und Behörden zu verklagen.

 

Dies unterstellt freilich eine wirklich von Parlamenten und Regierungen unabhängige Justiz. Aber diejenigen, die Staatsanwälte, Richter, zumal Richter der letztinstanzlichen Gerichte berufen, sind selbst Politiker oder politischen Weisungen unterworfen und sorgen meist schon durch Studienordnungen dafür, dass möglichst keine "unqualifizierten" Juristen, also zu unabhängigen, sprich eigenmächtigen Gesetzesauslegungen neigenden Persönlichkeiten derart wichtige Positionen besetzen. Es ist sicher nicht erforderlich, aktuelle Beispiele zu zitieren. Wer an Politik interessiert ist, weiß, wovon ich rede. Etwas Demokratietheorie und Staatsbürgerkunde musste aber sein, um meine nun folgende kritische Analyse des inkriminierten Witzes verständlicher zu machen.

 

Es gibt in diesem Witz, obwohl er es ja schon in seiner Exposition verspricht, keine Erklärung von Politik. Nur an einer Stelle wird vage angedeutet, was Politik nach Ansicht des Vaters, der ja sich selbst als das Kapital bezeichnet hat, ist. Er sagt nämlich: Und was wir tun, tun wir alles für Dich. Du bist das Volk.

 

Hier hätte nach dem Halbsatz, "und was wir tun", folgen können, ist zum großen Teil Politik. Schon die Behauptung, "das tun wir alle für Dich. Du bist das Volk", führt aber nicht hin, sondern weg von dem, was Politik ist. Denn was Politik entscheidet, entscheidet sie nicht nur für "das Volk", wer immer damit gemeint sein könnte. Wenn Menschen sich zu Protesten versammeln und skandieren, "Wir sind das Volk", ist das falsch. Sozialwissenschaftlich ist das, was viele immer noch Volk nennen, die Gesellschaft. Die Bezeichnung Volk mag noch für die wenigen ethnischen Monokulturen seine Berechtigung haben, die den zivilisatorischen Prozess in irgendwelchen Nischen überlebten.

 

Wer den Begriff "Volk" für unsere multikulturellen Gesellschaften verwendet, vielleicht sogar glaubt oder glauben machen will, das Rad der Geschichte ließe sich auf die Entwicklungsstufe zurückdrehen, auf der man sich noch auf das "gesunde Volksempfinden" berufen konnte, um so das Rechtsstaatsprinzip in Zweifel ziehen und abschaffen zu können, sollte als gefährlicher Hinterwäldler betrachtet werden dürfen. Er hat - wenn er kein Demagoge ist, der das alles weiß und politisch missbrauch - den Anschluß an die reale Sozialgeschichte, die keine gottestaatliche Nationalgeschichte mehr ist, verloren. Für sein Hinterwäldlertum sollte niemand verachtet oder gar geächtet werden, solange er es nicht Andersdenkenden mit Gewalt oder Androhungen von Gewalt aufzuzwingen versucht. Wenn jemand seine Identität mit seiner "Nationalität" gleichsetzt, zumal diese im Pass steht, ist das in Ordnung. Immerhin sind mit der "Staatsangehörigkeit", der Staatsbürgerschaft, Rechte und Pflichten verbunden, von denen man viele nicht ungestraft verletzen darf. 

 

Wer sich in einer modernen kapitalistischen Gesellschaft politisch engagiert, um an der Meinungsbildung und einer politischen, am Ende rechtsverbindlichen Entscheidungsfindung mitzuwirken, hat natürlich nicht ein abstraktes "Volk" vor Augen, für dessen Wohl und Wehe er bedingungslos einzustehen (vielleicht sogar zu sterben) bereit wäre. Er hat zuerst einmal ein durchaus legitimes Interesse daran und auch verbürgtes Recht dazu, und wenn er dazu in der Lage ist, sogar die verdammte Pflicht, etwas für sich selbst zu tun. Die entscheidende, also die hochpolitische Frage ist, was, wie und wieviel er für sich tun darf? Denn auch in einem politischen System wie der kapitalistischen Demokratie sind dem Egoismus und der Ausbeutung anderer wie der Natur gesetzliche Grenzen gesetzt.

 

Dass man die Fallen, die den Konsumenten in diesem Witz, der doch Politik erklären soll, gar nicht gleich bemerkt, sondern erst mal der Erzählung des Witzes bereitwillig und unkritisch folgt und auf ihn hereinfällt, kann ich mir nur damit erklären, dass es sich um einen Witz handelt. Einem Witz nimmt man eine falsche, zugleich sehr seltsame und lustige Erklärung für Politik nicht so leicht übel. Ich war erst nachträglich überrascht darüber, dass ich über diesen Witz herzlich lachen musste, vielleicht, weil ich für eine ganze Weile der Meinung war, es handele sich um einen linken, einen kapitalismuskritischen politischen Witz.

 

Immerhin fallen Begriffe wie Kapital und Gewerkschaften, es existiert sogar noch die "Arbeiterklasse", die es nach Auffassung rechter Kapitalismuskritiker (den Nationalsozialisten und solchen, die es noch werden wollen) gar nicht gibt. Sie kennen nur das Volk und die Volksgemeinschaft. Sie träumen jedenfalls von einem Volksgemeinschaftsgefühl und meinen, der jüdische Wucherkapitalismus und der jüdische Bolschewismus hätten das Volk zersetzt. Deshalb gelten sie als die größten Übel dieser Welt, die es "auszumerzen" gilt.

 

Allerdings irritierte mich, dass der Witz - man sieht das ja auf dem Video - von einem Mann in feinem Zwirn einer ebenso feinen Männerunde erzählt wird. Es ist eine Runde, in der man eher damit rechnet, den populistischen Unternehmenslobbyisten Hans-Olaf Henkel oder den sozialdemokratischen Bestseller-Rassisten Thilo Sarrazin anzutreffen als den Herz-Jesu-Marxisten Norbert Blüm oder den genießerischen Linkssozialisten Oskar Lafontaine. Das war übrigens für mich der äußere Anstoß, den Witz insgesamt, seine Politikerklärung, aber besonders seine Pointe, doch noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Zunächst wirkt das Video auf den Betrachter, als träfe es den Nagel auf den Kopf. Ich vermute, dass auch andere das so erleben, kann es aber nicht behaupten, weil ich nur sehr wenige Gelegenheiten hatte, die Reaktionen darauf persönlich zu beobachten und darüber zu sprechen.

 

Doch spürt man schon beim zweiten, spätestens beim dritten Durchlauf, dass es sich bei diesem Video-Witz um eine mit KO-Tropfen gefüllte Praline handelt. Dieser Witz verkauft, verführerisch verpackt, die vor allem bei pseudokritischen Rechten verbreiteten, pauschal gegen "die Eliten" gerichteten, Meinungen, Vorurteile und Fake-News. Feindbilder sind vor allem sozialliberale Regierungen, die für die Hegemonie rot-grün "versiffter" und korrupter Gutmenschen verantwortlich gemacht werden. Sie sind es auch, die den Gegensatz von Kapital und Arbeit leugnen und durch den zwischen Volk und Eliten zu ersetzen versuchen. Folglich werden auch die Gewerkschaften angegriffen.

 

Was diesen Witz als Witz ausmacht, ist aber nicht seine Pointe, sondern die raffinierte Personalisierung von Strukturen und Instituionen unserer trotz Sozialabbau noch einigermaßen sozialkapitalistischen Demokratien, die zu dieser Pointe führen.

 

Wie sieht diese Personalisierung aus? Der Vater, der dem Sohn Politik erklären will, sagt: Ich bin das Kapital. Und er ernennt Anna, die Haushaltshilfe, zur Arbeiterklasse. Der (alte und wahrscheinlich zahnlose?) Großvater ist die Gewerkschaft. Die Mutter die Regierung. Der schulpflichtige Sohn, dem das Kapital nun zu erklären versucht, was Politik ist, ist das Volk. Und die Zukunft ist der noch in den Windeln liegende kleine Bruder. Diese dreiste Personalisierung struktureller und instituioneller Verhältnisse, ja sogar der Zukunft, so fragwürdig sie auch ist, ist erst einmal witzig. Und einem Witz - der ja auch als kleines literarisches Kunstwerk betrachtet werden kann, daher den besonderen Schutz künstlerischer Freiheit genießt - muss es erlaubt sein, solche Personalisierungen vorzunehmen.

 

Was den Witz außerdem eine verführerische Glaubwürdigkeit verleiht, dass sein Autor leicht erkennbar sozialwissenschaftliche Kenntnisse verwendet. Wenn er den Vater sagen lässt, ich bin das Kapital, legt er nahe, in ihm den Patriarchen eines Familienunternehmens zu vermuten. Bei diesem Kapital handelt es sich - unterstellt man dem Autor eben diese gesellschaftsanalytischen Kenntnisse - nur um ein eher kleines oder mittleres Unternehmen. Sagen wir um Kapital, das auf lokalen, regionalen, maximal nationalen Märkten gegen die Konkurrenz des Internationalen Kapitals um sein Überleben kämpft.

 

Das internationale Kapital, das in diesem Witz nicht vorkommt, steht aber längst unter dem Kommando von meist ihrer eigenen Nationalität entfremdeten Kapitalstrategen. Es gehorcht also nur noch mittelbar den Kapitaleignern, den Investoren. Globalkapital wird von Managern kommandiert, die die Gesinnung vaterlandsloser Gesellen haben, ich behaupte, haben müssen. Marx erwartete von den nationalen Arbeiterklassen, dass sie sich als Internationale zusammenschließen. Nur dann gab er ihnen eine Chance, die Internationale des Kapital besiegen, deren Macht über sie zerbrechen und die Fremdbestimmung beenden zu können.

 

Das aber heißt, dass Konzernmanager heute die Staaten nur noch als Standorte mit mehr oder weniger Investitionsanreizen und ärgerlichen Investitionshemmnissen, also mehr oder weniger großen Profitchancen sehen. Wenn ein solcher Kapitalstratege in diesem Witz die Hauptfigur wäre, also der Vater, hätte er zum Sohn, dem Volk, nicht sagen können, deine Mutter ist die Regierung. Der Witz hätte so nicht erzählt werden, und wenn doch, dann unmöglich diese Wirkung entfalten können. Ein Konzernmanager hätte allenfalls glaubhaft sagen können: Ich bin das Kapital. Die Regierungen sind die Hausverwalter, die auf unsere Villen in aller Welt aufpassen. Und wenn sie unsere Feinde unter Kontrolle halten. sind sie gute Regierungen.

 

Wer weiß heute nicht, dass Manager eines Konzerns - um im Bilderreigen des Witzes zu bleiben - jederzeit mit Regierungen und auch sozialstaatlich domestizierten Gewerkschaften, aber nie mit der Arbeiterklasse ins Bett gehen würden. In dem hier kritisierten Witz-Video ist das Dienstmädchen die "Arbeiterklasse", die mit dem Kapital im Bett liegt. Auch das verweist auf Einblicke des Autors in die zeitgemäße Diskussion. Die Existenz einer Arbeiterklasse wird offiziell geleugnet, aber als Dienstmädchen steht sie dem Kapital auch Nachts zur Verfügung.

 

Das erinnert an den weithin anerkannten, sogar von der britischen Königin zum "Sir" erhobenen Soziologen Ralph Dahrendorf (FDP), der schon in den 1970er Jahren die marxistische Klassenanalyse untergrub, indem er die Kategorie der Dienstklasse einführte und den Kapitalstrategen wie den kapitalfrommen Parteien und Gewerkschaften der entwickelten Industriegesellshaften die durchaus richtige Empfehlung gab - dieser eine immer größer werdende gesellschaftliche Bedeutung beizumessen. Dass sich diese gegen die Arbeiterklasse gerichtete Bedeutungserhöhung der Dienstklasse für die Mehrheit der Dienstleistenden (zum Besipiel der Kranken- und Altenpflege) nicht in Löhnen und Gehältern niederschlagen würden, die den Leistungen auch nur annähernd gerecht sein würden, hat den freidemokratischen "Lord" des britischen Oberhauses nicht interessiert. Die Dienstklasse durfte es allerdings hoffen. Wer wollte schon noch zur diffamierten, von immer mehr Ausländern ersetzten Arbeiterklasse gehören?

 

Was dem Witz seine erste Wirkung verleiht, ist das unscharfe Gemisch von marxistischer Klassentheorie und Dahrendorf'scher Schichtenanalyse mit ihrer Dienstklasse. Das Element, dass durch diesen nostalgischen Zuckerguß dem Konsumenten des Witzes schmackhaft gemacht werden soll, ist die hinter der Personalisierung geschickt versteckte nationalkapitalistisch-patriarchalische und antidemokratische Sozialordnung. Mit anderen Worten: Der Witz verführt mit dem Begriff "Arbeiterklasse" ( gleich Dienstmädchen bzw. Haushaltshilfe) seine Konsumenten, ihn für einen eher linken politischen Witz zu halten und lockt sie so in einen gefährlichen Hinterhalt. Denn er meint gar nicht die Arbeiterklasse, nicht das Proletariat, sondern die Arbeiteraristokratie.

 

Der Hinterhalt wird erst durchschaubar, wenn man sich die Figur des Großvaters, der im familialen Gesellschaftsmodell des Politik erklärenden Vaters und Firmenpatriarchen die alt gewordene Gewerkschaft verkörpert, näher betrachtet. Er gehört nämlich, anders als das Dienstmädchen, die Dienstleistungsklasse Dahrendorfs, man kann auch sagen die vom Kapital systematisch herangezogene Arbeiteraristokratie, zur "eigenen Familie". Deshalb sieht er, obgleich ihn der Vater als Gewerkschaft definiert, ohne Protest zu, wie das Kapital sich mit den Dienstmädchen amüsiert. Und welche politische Rolle wird ihm im Witz vom Kapital zugesprochen? Er achtet darauf, dass alles mit rechten Dinge zugeht.

 

Darin steckt tatsächlich ein beachtliches kritisches Potential. Denn so kann man den Witz auch als linker Kapitalismuskritiker genießen, der in den Gewerkschaftsfunktionären nicht mehr die Kapitalopposition sieht, die sie mal war und noch immer sein müsste, sondern sie zum Co-Management des Kapitals zählt und Kapitalinteressen als Arbeiterinteressen darzustellen berufen ist. Bleibt man jedoch dabei, dass der Vater, das Kapital, nur das nationale Kapital verkörpert, also den historisch überlebten Typus des Familienunternehmens, dann kann mit der Story, die der Witz vom Großvater, der zusieht, wie Kapital und Arbeiterklasse sich im Bett vergnügen, erzählt, nicht die Mitbestimmung gemeint sein. Dies existiert bekanntlich nach deutschem Recht nur in Konzernen. Hier wäre also die Rolle der Gewerkschaften in Familienunternehmen näher zu untersuchen, was natürlich diesem Witznicht bekommen wäre.

 

Nur für Konzerne, in denen Gewerkschaften in Aufsichtsräten und Gewerkschafter als Arbeitsdirektoren mit sicheren Rechtsgrundlagen fungieren und nicht nur zusehen, wie, sondern auch mitmachen, zumindest verdächtig leise sind, wenn Kapitalstrategen und Dienstklasse Steuerhinterziehung im großen Stil, Abgasmanipulationen und andere schwere Wirtschaftsverbrechen begehen. Dies selbstverständlich, um, wie sich es sich ja auch gehört und deshalb diese Praktiken mit dem schönen Schein moralischer Legitimität angestrahlt werden, keine Arbeitsplätze zu gefähdren und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmen an den jeweiligen Standorten zu gewährleisten, wäre dies auch im Witz eine durchaus berechtigte Kritik.

 

Natürlich ist - wie schon angedeutet - ein gelungener Witz auch ein kleines Kunstwerk. Es kann daher keine wissenschaftliche Analyse sein, sondern nur Elemente einer solchen als Versatzstücke verwerten. Also ist der Witz auch nicht auf seine eigene Metaphorik festzulegen. Eine kritische Witzanalyse darf das. Sie muss zumindest anmerken, wo Logik und Ästhetik dieses Kunstwerks sich selber widersprechen. Dass in der realen sozialen Wirklichkeit ein eigentlich nur für lokale, regionale und nationale Märkte produzierender und seine Dienstleistungen anbietender Kapitalist sein Geld - zumindest teilweise - auch in internationalen Kapitalgesellschaften anlegt, erklärt natürlich manchen Widerspruch seiner politischen Ansichten.

 

Werfen wir daher noch einmal einen Blick auf die Mutter. In dieser witzigen Politikerklärung - die faktisch keine ist, worauf ich zurückkomme - wird sie als schlafende Regierung denunziert. Es wird zwar vorher gesagt, dass sie das Geld, das der Vater nach seiner eigenen Meinung erwirtschaftet, verwaltet, aber auch ausgibt. Ansonsten verrät der Witz uns nur über sie nur, dass sie zwei Kinder hat. Der ältere Sohn ist das Volk, das nach ihr als Mutter und als Regierung ruft, aber sie hört weder ihren Sohn noch das Volk, für das er steht. Da der Witz das Versprechen enthält, Politik zu erklären, natürlich aus der Sicht des Kapitals, ist hier ein möglicherweise geplanter Denkfehler zu konstatieren, eine bewusste Irreführung.

 

Nicht die Regierung, sondern das Parlament hat auf "das Volk" zu hören und auch für die Zukunft zu sorgen. Die Regierung ist in einer parlamentarischen Regierungsform - zumindest der bürgerlichen Theorie nach - in erster Linie ausführendes Organ, Exekutive. Natürlich mit Gestaltungsfreiheit, aber nur im Rahmen der Gesetze und der Verfassung. Das Parlament repräsentiert "das Volk" bzw. die Gesellschaft. Aber in diesem Witz, der Politik erklären soll, gibt es gar kein Parlament. Soll man dieses Faktum so auslegen, dass der Autor des Witzes dieses Organ gar nicht erst erwähnt, weil er es - wozu viele nationalistische Kleinbürger neigen - für eine Schwatzbude hält, die man zur Erklärung von Politik besser gar nicht erst ins Spiel bringt?

 

Oder aber hat er dieses Organ, wie übrigen auch die Justiz und die Medien, schlichtweg vergessen, weil er als Erfinder dieses Witzes überhaupt nicht weiß, was Politik ist? Oder es nicht verraten will, weil er ein ganz anderes Ziel verfolgt? Jedenfalls vermittel der Vater, der sagt, das Kapital bin ich, (wie einst der Sonnenkönig, der sagte, "der Staat bin ich") dem Sohn einen lupenrein demokratiefreien Begriff von Politik. Es zeigt sich am Horizont der faschistische Ständestaat.

 

Dass der Sohn des Kapitals von diesem selbst zum "Volk" ernannt wird, lässt viele - auch sehr bösartige - Deutungen zu. Aber es ist ja wohl eindeutig die Absicht dessen, der diesen Witz erfunden hat, das Kapital als gütigen Vater, und nicht einmal als autoritären Nachhilfelehrer für Staatskunde und Politik seines Sohnes, des Volkes, darzustellen. Dass der Sohn nach den Erfahrungen der geschilderten Nacht behauptet, Politik verstanden zu haben, nämlich von der Regierung, vom Kapital, der Arbeiterklasse und den Gewerkschaften ignoriert zu werden, obgleich er doch ihre Hilfe herbeirufen wollte, weil der kleine Bruder, die Zukunft, in der Scheiße lag, ist der letzte Beleg dafür, dass der Witz von einem nationalen, vielleicht sogar nationalistischen Pseudosozialisten in die Welt gesetzt worden sein muss. Natürlich bleibt er anonym. Er haut - im Namen des Volkes und der Zukunft - nur die Eliten in die Pfanne. Die AfD lässt grüßen.

 

Mein Fazit: Ich gebe zu, der Witz ist äußerst raffiniert konstruiert, von verführerischer Einfachheit, zum Schein regierungs- und kapitalismuskritisch. Er zeigt aber bei kritischer Analyse drastisch den Ungeist der Zeit. Er bringt ihn allerdings nicht einmal annähernd mit dem Widerspruch in Verbindung, der durch die strukturell demokratisch-nationalstaatlich organisierte Staatspolitik auf der einen und die strukturell antidemokratisch-international organisierte Konzernpolitik auf der anderen Seite für nahezu alle Weltprobleme mit verantwortlich ist. Ich nenne nur den Hunger, die ökonomischen, sozialen und politischen Krisen, die zu Bürgerkriegen und Kriegen führen, die wiederum wachsende Flüchtlingsströme verursachen, zu richtigen Völkerwanderungen, und zu Naturzerstörungen, am Ende zum tödlichen Rassismus, zum Faschismus führen.

 

Der Witz müsste, um dem Anspruch unserer Zeit und dem kritischen Bedürfnis entschiedener Demokraten gerecht zu werden, etwa wie folgt erzählt werden. Dann wäre das allerdings kein Witz mehr, sondern allenfalls ein witziger Dialog:

Der Sohn kommt von der Schule nachhause, erzählt dem Vater, dass er jetzt Staatsbürgerkunde habe und bittet ihn, ihm einmal zu erklären, was Politik ist.

Der Vater sagt: Mach ich! Pass auf!: Ich bin Stratege des internationalen Kapitals, für das ich Gewinne machen muss. Ich sorge dafür, dass Menschen, die zu viel Geld haben, es ständig vermehren können. Dazu muss ich Arbeitskräfte einsetzen, die tüchtig, fleißig, zuverlässig und bescheiden sind. Internationale Märkte erobern, denn nationale Märkte reichen nicht mehr aus, eine die Anleger bei der Stange haltende Rendite für ihr Geld zu erwirtschaften.

Deine Mutter ist die Regierung, sie muss das schier unmögliche leisten, nämlich uns bei unseren Geschäften, auch den skrupellosesten, zu unterstützen und schützen, unsere nationalen Interessen gegenüber anderen Staaten durchsetzen.Früher mussten die Staaten in andere einmarchieren, sie erobern, besetzen. Heute müssen wir, die Konzernchefs, das machen, indem wir Märkte in aller Welt monopolisieren und so Arbeitsplätze und Wettbewerbfähigkeit nicht nur des jeweiligen Konzerns, sondern auch die Mehrheit der Wähler für konzernfreundliche Parteien gewinnen helfen.

Deine beiden Onkels sind die öffentlich-rechtlichen und die privaten Massenmedien. Sie verbreiten meine Meinung und sehen nach dem Rechten.

Du, mein Sohn, bist der kritische Wähler, der natürlich durch ein ordentliches Taschengeld überzeugt werden will, in einem sozialen und demokratischen Rechtsstaat zu leben, dessen Wohlstand dem Fleiß und der Intelligenz des deutschen Volkes zu verdanken ist und der von den konkurrierenden Staaten und Konzernen die Einhaltung der Bürger- und Menschenrechte fordert. Wer sie nämlich missachtet, hat viele Wettbewerbsvorteile. Und die führen jeden anständigen Menschen immer wieder in Versuchung.

Unser deutscher Hausmeister ist die Gewerkschaft, die mit mir Löhne und Arbeitsbedingungen aushandelt. Unser türkischer Gärtner, unser griechischer Chaffeur und unsere ukrainische Haushälterin sind die Arbeiterklasse.

Und alle arbeiten, dass es der Wirtschaft, damit ihnen selbst und dem Staat gut geht.

Der Sohn sagt: Ich verstehe nicht, was das mit Politik zu tun hat.

Da sagt der Vater: Was wir gemeinsam leisten, ist das Resultat unseres Kampfes um sozialen Frieden im Innern und erfolgreiche Wettbewerbspolitik im internationalen Vergleich, durch die wir den Wohlstand unserer Nation erreicht haben.

Der Sohn sagt, das ist mir zu einfach. Darüber muss ich erst einmal schlafen. In seinem Zimmer kramte er seine Notizen heraus. Was hatte der Lehrer erzählt? Unternehmen schlössen sich zu Konzernen zusammen, um die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Konzernen besser aufrecht erhalten zu können. Es entstünden Weltmärkte für Rohstoffe, Produkte und Arbeitskräfte. Also bliebe Regierungen entwickelter Nationalstaaten gar keine andere Wahl, als das ihren nationalen Märkten über den Kopf wachsende und in anderen Staaten nach Anlage suchende Kapital im Ausland zu schützen. So sei der ausbeuterische Imperialismus entstanden, der unsere Probleme exportiert und möglichst keine von außen hereinlässt.

Als der Sohn am nächsten Morgen diese Darstellung seines Lehers vorträgt, schreit der Vater entsetzt:

Was sprichst Du denn da für eine Sprache? Ist Euer Staatskundelehrer Sozi? Oder gar Kommunist?

Der Sohn: Hast Du damals nicht selbst die Berufsverbote gutgeheißen? Es gibt doch gar keine Kommunisten mehr im Schuldienst. Und sollte es sie geben, sind sie doch kaum noch vernehmbar.

Der Vater: Aber Sozialdemokraten gibt es immer noch. Ich sage, die meisten sind verkappte Kommunisten. Weshalb sonst verlieren sie ständig Wahlen. Das Volk hat doch genug von denen.

Der Sohn: Ich dachte, ich sei das Volk und Du wolltest mir erklären, was Politik ist. Ich glaube, dass Du von Politik nicht die geringste Ahnung hast. Du weißt nur, wie man Reiche noch reicher macht. Sagst Du nicht selbst immer wieder, das Politik in der Wirtschaft nichts zu suchen hat? Du verstehst sicher viel davon, wie man Politik aus der Wirtschaft heraushält und das Volk für die Wirtschaft instrumentalisiert. Dafür finanziert ihr doch die Parteien. Natürlich nur die, die das Volk davon überzeugen können, dass immer mehr Demokratie im Staat nichts mehr bringt, selbst wenn man gesitig Behinderten das volle Simmrecht bei wahlen zuerkennen wird. Denn der Staat bzw. die Regierungen - auch die Gewerkschaften - stehen doch längst unter der Kontrolle der Konzerne.

Der Vater brüllt: Wenn Du das alles weißt, warum bittest Du mich, Dir zu erklären, was Politik ist?

Der Sohn: Weil mein Lehrer gesagt hat, dass die Konzernchefs zwar keine Ahnung von Politik haben, weil sie die Politik, sie meinen natürlich die Demokratie, in ihrem Herrschaftsbereich nicht dulden. Hätten sie Ahnung, brauchten sie nicht Batallione von Beratern und Beraterfirmen. Wenn Unternehmer selbst regieren, zeigt sich, wo ihr Fehler liegt. Einen Staat darf man nicht wie ein Privatunternehmen führen. Es ist schon schlimm genug, dass Konzernchefs sich ständig in die Politik der nationalen Regierungen, der Parteien und Gewerkschaften einmischen und diese daran hindern, die Willkürherrschaft der Herrn in den demokratiefreien Chefetagen, also auch Dich, unter demokratische Kontrolle zu bringen.

Der Vater brüllt: Was soll das?

Der Sohn: Ich habe nur mal an Dir getestet, ob mein Lehrer recht hat.

Der Vater trotzig: Na und? Natürlich hat er recht. Meinst Du, wenn er meinen Job machen würde, es ginge uns - Dir und mir und unserer Familie - dem Staat, der Regierung und dem Volk so gut wie es uns jetzt geht?

Der Sohn: Natürlich nicht. Aber vielleicht ginge es der großen Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten und dem Planeten selbst viel besser.

Da stöhnt der Vater: Ich glaub es nicht. Es sieht ganz so aus, also ob Du gar nicht mein leiblicher Sohn bist. Ich glaube, ich muss Dich enterben.

Der Sohn: Auf einen mehr oder weniger, den Du enterbst, kommt es nun wirklich nicht mehr an. Deine Konzernpolitik enterbt täglich Millionen. Sie werden skrupellos um ihre Existenzgundlagen gebracht. Viele der Enterbten suchen ja nicht zufällig ausgerechnet bei uns, in den Standortstaaten der Konzerne, Zuflucht. Sie hoffen, sich ein ganz klein wenig ihres verlorenen Erbes hier wieder beschaffen zu können. Du bist es, der für die weltweiten Flüchtlingsströme und Migrationswellen und damit für Fremdenhaß und Ausländerfeindschaft maßgeblich die historische und aktuelle Verantwortung trägt.

Der Vater: Du hast tatsächlich den Verstand verloren, fehlt nur noch, dass Du mir mit Karl Marx kommst.

Der Sohn:Warum nicht? Hier ein Zitat, an dem auch der Unternehmer Friedrich Engels mitgeschrieben hat. Es stammt aus dem Jahr 1848. Damals hatten diese klugen Deutschen schon mehrAhnung von Politik als Du es heute hast. Ich zitiere: Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde." Sieh Dir die Welt an, die Deinesgleichen und Du seit1848 geschaffen haben. Es wäre besser die zu enterben, für die Du den siegreichen Feldherrn spielst.

 

Schlußbemerkung:

Meine Witz-Analyse endet nicht mit einem gelungenen Witz. Niemand wird darüber lachen können. Der Witz, den ich hier kritisiert habe, war ein geeigneter Anlaß, auch einmal im Bereich der Witze Ideoloiekritik zu üben. Ich hoffe, dass der eine oder andere, der das kritisierte Witzvideo vielleicht schon kennt oder den von mir oben zitierten Witz erst einmal mit herzhaft zustimmenden Lachen benotet hat, doch nachdenklich werden und sogar eine gewisse Genugtuung empfinden wird, ihn nun - noch einmal - kritisch überprüfen und sich vielleicht auch von ihm distanzieren zu können. Also, nichts gegen gute Witze. Vielleicht gelingt es ja mal einem unserer vielen großartigen kritisch-politischen Kabarettisten oder ihren Autoren, das Thema von der richtigen Seite anzupacken. Nicht nur ich wäre dankbar.